Bücher Rezensionen

Faserland

Der Roadtrip eines reichen jungen Mannes wird zum Spiegel der deutschen Gesellschaft in der Mitte der 1990er Jahre. Christian Krachts Debütroman Faserland hat es in sich. Meine Rezension zu diesem Klassiker.

Glamourös beginnt der Roman auf Sylt. Der namenlose Ich-Erzähler ist nur kurz auf der angesagten Nordseeinsel. Er reist, oder besser treibt, von Nord nach Süd durch Deutschland. Wir begleiten ihn nach Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, München, Meersburg bis zum Schluss ins schweizerische Zürich. Der Protagonist scheint permanent betrunken zu sein oder gerade dabei sich zu betrinken. Er besucht Freunde und Menschen, die er dafür hält oder auch nicht.

Christian Kracht, der 1966 in der Schweiz geborene Schriftsteller, ist einer der bekanntesten und auch umstrittensten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher lösen regelmäßig Kontroversen aus, das macht auch seinen Reiz aus. Zugegeben, ich kannte ihn nicht, bis ein Freund vorschlug, Faserland zu lesen, um es in unserem Lesekreis zu diskutieren.

Interpretation?

Faserland zeigt einerseits die pessimistische Stimmung der neunziger Jahre auf, indem sein Protagonist von einer Party mit Sex und Drogen auf die nächste stolpert, doch den Feiernden scheint der Spaß abhanden gekommen zu sein. Einer seiner Freunde landet schließlich mit einer Fixernadel im Arm in einem Weinkeller.

Anderseits habe ich das Gefühl, der Roman missversteht eventuell die Lage. Die ach so langweilige, depressive Postmoderne, in der wir alle so satt sind, dass uns elend wird? Das ist mir ehrlich gesagt etwas zu wenig. Vielleicht liegt es am zeitlichen Abstand, ich habe ihn über 20 Jahre nach erscheinen gelesen. Vielleicht ist das Thema aber auch immer schon eher die kulturpessimistische Vorstellung der Autoren gewesen und nicht der Wirklichkeit. Dann hielte der Roman der Gesellschaft nicht den Spiegel vor, sondern Kracht zeigt ein Gesicht in die Kamera: das seines Protagonisten – mehr nicht.

Egal, wie man dieses Buch bewertet, ich denke zumindest gelesen sollte man es haben. Der Lesefluss ist super und mit 160 Seiten ist es auch kein Wälzer. 

Christian Kracht: Faserland. Ein Roman. 9. Auflage, Fischer Taschenbuchverlag 2018, 9,99€ ISBN: 978-3-596-18532-0 Link zum Verlag